Naturschönheiten, dann Bücher, dann Braten mit Sauerkraut

(Text © Birte Vogel)

Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel (Foto: Birte Vogel)

Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel (Foto: Birte Vogel)

Es hat sich nicht viel geändert, schrieb W.G. Sebald, „an jener sonderbaren Verhaltensstörung, die jedes Gefühl in Buchstaben verwandeln muss und mit erstaunlicher Präzision vorbeizielt am Leben.“

Wie schön hat er das gesagt, und keiner nimmt’s ihm übel, war er schließlich selbst ein solch Gestörter, und ein wunderbarer noch dazu. Produziert hat er, wie so viele Tausende und Abertausende, seit die Ägypter vor 5.500 Jahren begannen, auf Papyrusrollen zu schreiben, Bücher. Und zwar solche, die meist rechteckig, aus mehr oder minder ansprechendem Papier, mal mit, mal ohne unterhaltsame Bilder, aus den Bücherläden in die heimische Sitzecke wandern. Wo man, wenn endlich der Fernseher schweigt, der Nachbar auch und die Kinder, kurz bevor einem die Augen nach erbrachtem Tagwerk zufallen, noch ein paar Seiten liest.

Lesen ist schön! (Foto: virginia43, www.pixelio.de)

Lesen ist schön! (Foto: virginia43, www.pixelio.de)

Es sei denn, man verschlingt Bücher überall dort, wo man gerade ist, auf dem Weg zur Bushaltestelle, im Bus, auf dem Weg zum Arbeitsplatz, auf dem Arbeitsplatz heimlich durch ein paar Akten getarnt – gibt es alles. Ich weiß das, ich hab’s so gemacht. Nicht immer und nicht mit jedem Buch, zugegeben. Denn nicht jedes Buch packt so, wie die Autobiographie des großen Nelson Mandela zum Beispiel, oder „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón.

„Ein Haus ohne Bücher ist arm“, sagte schon Hermann Hesse, doch wenn man sich die solcherart reichen Menschen ansieht, muss man sich fragen, ob sie das, was da in ihren Schränken prangt, wirklich gelesen haben, oder ob es dort nicht nur steht, um gut auszusehen.

Mal angenommen, man könne im Durchschnitt ein Buch in zwei Wochen durchlesen. Meist wird es länger dauern, doch dann gibt es ja noch den Urlaub, den viele dazu nutzen, drauflos zu schmökern. Das ergäbe also 26 Bücher pro Jahr, etwa eine halbe Regal-Länge. Wenn man mit fünf Jahren mit dem Lesen begonnen hat (Bilderbücher sind schließlich auch Bücher), und wenn man 90 Jahre alt würde, also 85 Jahre lang lesen würde (ich bin Optimistin), dann könnte man in seinem gesamten Leben 2.210 Bücher verschlungen haben. Was sich bei einer Anzahl von 96.000 Neuerscheinungen im Jahr fast lächerlich ausnimmt.

Man fragt sich, wer liest das alles? Gibt es ein publiziertes Buch, das nie ein Mensch gekauft hat? Anzunehmen ist das, zumal man ja so manches Buch schon allein deshalb nie anfassen würde, weil es einen so furchtbaren Titel hat. „Die Titelpannen,“ befindet denn auch Elke Heidenreich in ihrer neuen „Weiterlesen“-Kolumne, „werden immer grässlicher“, und sie hat, wie so häufig, leider recht.
Es greift eine bei den privaten Fernsehsendern abgeschaute Untertitelitis um sich, weil der gemeine Leser für zu dumm gehalten wird, oder für nicht kaufsüchtig genug, um auf den bloßen Titel schon das Portemonnaie zu zücken. Nur so sind Titel wie „Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen“ zu erklären oder „Wie man einem Außerirdischen begegnet, ein Floß baut und in der Wildnis überlebt: 93 Abenteuer für Entdecker und ganze Kerle“ oder „Gelassenheit beginnt im Kopf: So entwickeln Sie einen entspannten Lebensstil“. So ein Titel macht ja schon beim Lesen müde.

Selbst Weihnachtsmanner lesen (Foto: harald-wanetschka, www.pixelio.de)

Selbst Weihnachtsmänner lesen (Foto: harald-wanetschka, www.pixelio.de)

Welch ein Glück, dass es Titel wie „Nach Hause schwimmen„, „Nachtzug nach Lissabon“ oder „Adams Erbe“ gibt, die so überraschend anders, bzw. so überraschend normal sind, dass man, selbst wenn man noch nie von Rolf Lappert, Pascal Mercier oder Astrid Rosenfeld gehört hat, die Bücher am Büchertisch in die Hand nimmt, um den Klappentext und die erste oder letzte oder sonst eine Seite zu lesen. Es gibt natürlich auch kuriose Titel, wie „Führen mit Möhren“ oder „Insekten, Quallen und andere Köstlichkeiten„, die jedoch weniger durch ihre Titel bekannt wurden, sondern weil sie in dem wunderbaren Bändlein „Das Buch der Bücher“ gelistet sind, das Hoffmann und Campe herausgebracht hat. (Übrigens der älteste noch bestehende deutsche Verlag: Gründungsjahr 1781.)

Dort findet man auch heraus, dass kaum ein Autor seinen Beruf gelernt hat, sondern im Vorleben Anstreicher, Bürokauffrau, Lehrerin oder Chemiker war. Man lernt, dass Bücher tatsächlich die Welt verändern können (man denke an Platons „Staat“, Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“, Kants „Kritik der reinen Vernunft“, Marx‘ „Kapital“, Darwins „Entstehung der Arten“, Freuds „Das Ich und das Es“ oder die Bibel).

Das Evangeliar Heinrich des Löwen, 12. Jahrhundert (Foto: Birte Vogel)

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, 12. Jahrhundert (Foto: Birte Vogel)

Man lernt aus diesem Büchlein, dass für Arno Schmidt „Das Verlässlichste… Naturschönheiten, dann Bücher, dann Braten mit Sauerkraut“ ist. Man lernt, wie die Fernsehserie „Dallas“ mit ihrem Begleitbuch zur Serie in den frühen 1980er Jahren die Buchwelt verändert hat.

Dort steht auch, dass die meisten deutschen Bücher außerhalb Deutschlands – das raten Sie nie! – in Südkorea gelesen werden. Auf Platz zwei liegt China, auf Platz drei Polen. Wer hätte das gedacht. Wo sind all unsere Freunde, die Franzosen, die Italiener, die Holländer, die Norweger, die Amerikaner, die wir selbst so gerne lesen? China wird 2009 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Neuseeland war erstaunlicherweise und sehr plötzlich 2012 Ehrengast. Wissen Sie, wo Neuseeland liegt oder müssen Sie erst im Atlas nachschauen (Kinder: Atlas ist sowas wie Google Maps auf Papier)? Und verwechseln Sie es dann doch wieder mit Australien (das für die Buchmesse abgesprungen war und somit der kleine Nachbar endlich eine Chance hatte, auch literarisch aus dem Schatten des großen herauszutreten)? Da stellt sich die Frage: muss man überhaupt wissen, wo das Land liegt, aus dem das Buch kommt? Muss man überhaupt etwas wissen über das Land, seine Leute oder die Person, die das Buch geschrieben hat? Es wird ja ins Deutsche übersetzt und handelt meist sowieso von Menschlichem, welches uns grundsätzlich nicht fremd ist. Oder?

Wussten Sie, dass es um 1.400 v. Chr. schon Wörterbücher gab? Wobei das Wort „Buch“ vielleicht nicht ganz zutreffend ist. Bei Ausgrabungen in der heutigen Türkei fand man ein etwa 3.500 Jahre altes Fragment einer Tontafel, die als dreisprachiges Wörterbuch für Sumerisch, Akkadisch und Hethitisch diente. Damals war der Leserkreis noch sehr beschränkt, heute liegt die Analphabetenrate hier in Deutschland bei 2%. Das heißt, 98% der Deutschen könnten lesen, wenn sie wollten, doch jeder Vierte will nicht. Fast jeder zweite hat 2007 kein einziges Buch gekauft.

(Foto: stephanie-hofschlaeger, www.pixelio.de)

(Foto: stephanie-hofschlaeger, www.pixelio.de)

Casanova warnte schon vor vielen Jahren: „Man sollte sich vor Menschen hüten, die nur ein Buch gelesen haben.“ Dennoch stehen in deutschen Privathaushalten viele Bücherregale leer oder voller Klimbim, aber nicht voller Bücher. Das Durchschnittsalter steigt, die verfügbare Zeit an Werktagen steigt merklich an, und dennoch nutzen 98% der Befragten einer Studie der Stiftung Lesen den Fernseher täglich oder mehrmals in der Woche, doch nur 17% lesen ein Buch. Und 25% aller Deutschen sagen von sich, sie würden nie ein Buch zur Hand nehmen.

Nie? Wie geht das? Wie kann man ohne Bücher leben?

Glücklicherweise erklären noch immer 59% der Deutschen, dass sie nie auf gedruckte Bücher verzichten möchten und 24% sagen, Bücher seien wie gute Freunde für sie. Werden sie das immer noch sagen, wenn die Bücher nicht mehr als Bücher daherkommen, sondern, wie vor vielen Tausend Jahren, in Form eines unbeweglichen Steins, genannt E-Book? „E-Books sind der Markt der Zukunft“ sagt der Börsenverein des deutschen Buchhandels, und die Zukunft kommt in großen Schritten. 2012 wurden 12,3 Millionen E-Books kostenpflichtig heruntergeladen. Vor vier Jahren, als ich die erste Fassung dieses Blog-Artikels schrieb, fragte ich mich, was man wohl im Urlaub am Strand macht – ob E-Books bessere Monitore als Computer haben würden, so dass man die Bücher auch bei Sonnenschein lesen könne. Heute weiß ich, dass es so ist. Doch das Problem mit Sand und Feuchtigkeit ist nicht gelöst. All das verträgt nämlich das normale Buch, egal, ob es das grobe, fast schon handgeschöpft anmutende Billigpapier einer Lesekreis-Ausgabe oder der fast durchsichtige Hauch von Papier einer Sonderausgabe ist.

Bibliothek Cottbus (Foto: ingrid-ruthe, www.pixelio.de)

Bibliothek Cottbus (Foto: ingrid-ruthe, www.pixelio.de)

Und was ist, wenn man gerade kurz davor ist, herauszufinden, wer der Mörder ist, und – zack! – ist der Akku alle. Was macht man da am Strand? Oder im Flugzeug? Für den Arbeitsplatz ist so ein E-Book natürlich bedeutend praktischer, vor allem, wenn man es sich (mangels Kopierschutz) zusätzlich auf den Rechner laden kann. Der Arbeitgeber denkt, man ist fleißig, und das ist man auch, aber ein klein wenig anders, als sich das der gemeine Arbeitgeber so vorstellt.
Wird man weinen, wenn am Monitor das tragische Liebespaar einander nie bekommt, oder wird man das tragbare E-Book in die Ecke werfen vor lauter Abscheu über eine Gewaltszene? Das Lese(r)verhalten wird sich wohl in mancher Hinsicht verändern – ob zum Guten, bleibt abzuwarten.

Bald werden wir es auf unseren Fernseher laden können, und ein Programm wird es uns vorlesen, Braille für Modernisten, und dann werden Bilder dazu kommen, Diashows, Multimediashows, damit es nicht so langweilig ist, und Musikuntermalung, damit man nicht einschläft. Unsere Kleidergrößen werden immer häufiger nachgebessert werden müssen, weil das Hinterteil der Leser so sehr in die Breite geht, weil sie nur noch irgendwo herumsitzen und auf ihren kleinen Monitor starren, der ihnen das Leben so lebensecht nachspielt, auch der Rücken wird leiden, doch dafür gibt es ja downloadbare Ratgeber, mit Titeln wie: „Moving macht den Rücken fit!: Kurz & einfach: vier effektive Übungen für einen gesunden Rücken – auch am PC„. Dann ist auch der Arbeitgeber glücklich.

Ach, was wäre unsere Welt nur ohne Don Quijote, Macbeth, Jules Maigret, ohne Miss Marple, Tom Sawjer, Pippi Langstrumpf und Schneewittchen? Oder ohne den sagenhaften Donald Duck, ohne Michel in der Suppenschüssel, ohne Sagnix, Osolemirnix & Teefax, ohne Harry Potter und Balu, den Bären?!

(Foto: ilona-steinchen, www.pixelio.de)

(Foto: ilona-steinchen, www.pixelio.de)

Gewiss, wir hätten wahrscheinlich mehr Bäume (bzw. die Chinesen, denn dort kaufen wir ein Großteil unseres Papiers, das sie in Form deutscher Bücher dann wieder zurückkaufen dürfen), doch wir wären um einiges ärmer.

Heute, am 23. April, ist der „Welttag des Buches„, ursprünglich von der UNESCO als „Welttag des Buches und der Urheberrechts“ ausgerufen, doch heute fällt das Urheberrecht meist hinten über. Wissen Sie genau, worum es da geht? Eben.
Der 23. April wurde gewählt, weil man in Katalonien an diesem Tag einer besonders schönen Tradition nachgeht: man verschenkt Bücher und Rosen. Die UNESCO griff dies auf, und seither werden an diesem Tag weltweit (zumindest dort, wo man lesen kann und Geld und Sinn für Bücher hat) Bücher verschenkt. In Deutschland gibt es kurze Kindergeschichten. Für viele Kinder das wahrscheinlich einzige Buch, das sie in diesem Jahr lesen werden. In den Niederlanden schreiben renommierte Autoren wie Harry Mulisch, Leon de Winter und Cees Nooteboom Novellen für Erwachsene. Eine Idee für Deutschland? Denn von wem sollen Kinder die Liebe zu Büchern lernen, wenn nicht von Erwachsenen?

Hand aufs Herz: wann haben Sie zuletzt ein schönes Buch gelesen, mit schönem Einband und einem Papier, das sich einfach gut anfühlt zwischen den Fingerspitzen? Oder ein Buch, das Sie gar nicht mehr aus der Hand legen konnten, weil es so unglaublich spannend war? Oder eins, das Sie in einem der in immer mehr Innenstädten entstehenden Bücherschränke kostenlos gegen ein anderes getauscht haben, oder bei Tauschticket?

Klosterbibliothek, Kloster Strahov, Prag (Foto: carina-doring, www.pixelio.de)

Klosterbibliothek, Kloster Strahov, Prag (Foto: carina-doring, www.pixelio.de)

Gehen Sie los, heute noch, in den Buchladen oder zu Ihrem Internet-Händler, suchen Sie sich ein Buch aus! Lassen Sie sich entführen in andere Denk- und Lebenswelten, lassen Sie sich beraten oder verzaubern, wonach auch immer Ihnen gerade ist. Unter den über 800.000 Neuerscheinungen der letzten zehn Jahre wird ganz sicher ein Buch sein, das Sie fesseln wird. Sollte die Finanzkrise noch immer bei Ihnen wüten, gehen Sie einfach mal in Ihre örtliche Bücherei – Sie werden staunen, was Sie dort alles finden können.

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Birte Vogel

Birte Vogel ist Journalistin, Autorin und Porträtistin. Sie schreibt für Kulturinstitutionen, Unternehmen und diverse Medien (Print und online) und coacht u. a. im Porträtschreiben. Ihr Porträtband "Hannover persönlich" wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem der drei Sachbuchpreise des autoren@leipzig Awards ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.

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