Praktizierter Frieden in Afghanistan – Karla Schefter

Karla Schefter (Foto: Birte Vogel)

Karla Schefter (Foto: Birte Vogel)

„Das Einzige, was Afghanistan jetzt noch helfen kann, ist eine erhebliche Ausweitung der humanitären Hilfe“, sagt Karla Schefter. Kaum ein Ausländer kennt die Situation besser als sie, denn seit 20 Jahren lebt und arbeitet sie vor Ort.

Ein Land am Ende seiner Kräfte

(Text © Birte Vogel; Fotos © Chak Hospital, Birte Vogel)

Ich treffe Karla Schefter in Dortmund, wohin sie gerade erst für einige Wochen zurückgekehrt ist. Sie empfängt mich herzlich, mit erstaunlich weichem Händedruck, und wir unterhalten uns mehrere Stunden über Afghanistan, ihre Arbeit im Krankenhaus von Chak-e-Wardak und über ihr Leben abseits der Klischees und Selbstverständlichkeiten.

Sie kennt sich aus mit Afghanistan, denn sie lebt seit 1989 in diesem Land. Doch nicht in Kabul, in einem Haus nach westlichem Standard für Tausende Dollar Miete pro Monat, abgeschieden von der Realität der afghanischen Bevölkerung. Karla Schefter lebt etwa drei Autostunden von Kabul entfernt, mittendrin in der bitterarmen Provinz. Zusammen mit der Bevölkerung des Ortes Chak und mit Hilfe deutscher Spenden hat sie in langjähriger Handarbeit und während der schier endlosen, grausamen Kriegsjahre das erste Krankenhaus für die 400.000 Menschen der Provinz Wardak gebaut.

Chak Hospital – das einzige Krankenhaus der Provinz (Foto: Chak Hospital)

Chak Hospital – das einzige Krankenhaus der Provinz (Foto: Chak Hospital)

Sie ist die einzige Ausländerin, die dort lebt, und sie wird akzeptiert, respektiert und geschätzt. Denn sie kam nicht als die Deutsche, die alles besser weiß, die den Afghanen endlich Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung bringt, die den Frauen das Kopftuch wegnimmt und sagt: Nun seid ihr frei. „So funktioniert das einfach nicht“, sagt sie.

Karla Schefter kam, um den Menschen zu helfen. Schon bald nach ihrer Ankunft in Afghanistan hatte sie eins verstanden: „Wenn man diesem Land nützen will, dann kann man das nur, indem man sich auf die Menschen, auf ihre Traditionen und ihre Lebensweise einlässt.“ Was nicht bedeute, dass man seine eigenen Werte und Traditionen über Bord werfe. „Doch man kann ihnen nicht etwas aufoktroyieren, das dort nicht hin passt oder hingehört.“ Viele der in Kabul ansässigen Hilfsorganisationen, sagt sie, „machen häufig den Fehler, sich im Umgang mit den Afghanen wie ein Herr seinen Dienern gegenüber aufzuführen.“

Doch Afghanistan hat 30 Jahre Krieg hinter sich, 30 Jahre Angst und Hunger, 30 Jahre in denen es keine kontinuierliche Schulbildung gab, die geistige Elite außer Landes floh, die Sitten verrohten, und die Menschen immer und immer wieder ums nackte Überleben kämpfen mussten. Es gibt ohnehin keine Arbeit – was nützt es also, das Land jetzt mit Tankstellen zu bepflastern, wenn die Menschen noch nicht einmal Geld haben, um genügend Lebensmittel zu kaufen? Wenn im riesigen Hinterland Afghanistans noch immer mittelalterliche Verhältnisse herrschen?

Die einzige Transportmöglichkeit für viele Kranke: Huckepack (Foto: Chak Hospital)

Die einzige Transportmöglichkeit für viele Kranke: Huckepack (Foto: Chak Hospital)

Viel wurde Schefters Ansicht nach seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2002 versäumt. „Damals war kaum jemand bereit, Pionierarbeit in der Provinz zu leisten“, sagt sie. Es wurden (und werden) teure „Consultants“ nach Kabul geschickt, „die auf hohem Niveau praktisch überhaupt nichts schaffen, aber trotzdem ihre Gelder bekommen. Und Afghanen sind nicht dumm. Sie haben natürlich ein Gespür dafür, wer es ehrlich mit ihnen meint.“

Die Mitarbeiter-Fluktuation der internationalen Hilfsorganisationen ist enorm. Sie haben Angst um ihre Sicherheit, oder sie geben frustriert auf. Und die wenigen, die gerne bleiben wollen, werden von ihren Vorgesetzten nicht gelassen. Die psychische Belastung der Arbeit in Kriegsgebieten sei zu hoch, die Spätfolgen nicht einzuschätzen. Auf diese Weise, so Schefter, hätten die Afghanen nach so vielen Kriegsjahren, nach so vielen Regierungen (sie selbst hat allein fünf Regierungen dort erlebt) kaum noch Vertrauen in die Hilfe von außen. „Und wenn das Personal der Hilfsorganisationen ständig wechselt – wie soll da eine Vertrauensbasis entstehen?“

Es reiche außerdem nicht, in Kabul im völlig überteuerten Elfenbeinturm zu sitzen, die Preise für die ansässige, verarmte Bevölkerung zu verderben – für Häuser, die nach dem Sturz des Taliban-Regimes noch 300 US-Dollar kosteten, muss man heute bis zu 6.000 US-Dollar hinblättern. Es reiche nicht, sich mit der aktuellen Regierung gut zu stellen und von dort aus etwas für das ganze Land bewegen zu wollen.

„Man muss hier alles von unten nach oben entwickeln, mit den Afghanen zusammen und mit den Möglichkeiten, die sie jetzt dort haben“, sagt Schefter. Man müsse vor Ort sein, man müsse persönlich in die völlig vernachlässigten Provinzen gehen, und die Hilfe müsse langfristig und kontinuierlich sein. „Aber wer macht das schon so wie ich,“ sagt sie resigniert, „wer lässt sich schon auf so ein Leben ein? Und das auch noch für viele Jahre?“

„So ein Leben“ – das waren für die gelernte OP-Schwester aus Dortmund 20 unsichere Kriegsjahre, inmitten eines geschundenen, hoffnungs- und perspektivlosen Volkes. Das waren fünf Jahre ohne Elektrizität, ohne Auto, elf Jahre mit Plumpsklo, ohne Dusche, ohne Post, ohne Telefon. Das war jahrelanges Leben mit acht Männern in einem Raum.

Heute gibt es im Krankenhaus wenigstens tagsüber Elektrizität, gewonnen mit Hilfe eines Diesel-Generators. Post gibt es immer noch nicht, doch jetzt gibt es einen Wasserbrunnen, und auf den Bergen von Chak steht ein Telefonmast, durch den die Kommunikation über Handy möglich geworden ist. Und heute hat Karla Schefter ihr eigenes Zimmer, eine winzige Kammer zwar, doch ihr eigen.

„So ein Leben“ – das hieß auch eintöniges Essen. Dabei ist das Essen im Krankenhaus von Chak-e-Wardak besser als in den Dörfern der Provinz. Morgens gibt es Tee und trockenes Brot. Mittags gibt es Reis und dazu im Wechsel Linsen oder Bohnen. Ab Oktober gibt es auch mal ein paar Kartoffeln als Gemüse zum Reis. Abends gibt es dann wieder nur Linsen oder Bohnen. Einmal pro Woche gibt es Fleisch, hauptsächlich Knochen, auch Markknochen, aus denen eine würzige Brühe gekocht wird, in die man das Brot tunken kann. Mehr gibt es nicht. Eine afghanische Ärztin sagte einmal, das Essen sei schlecht, aber wenigstens stürbe man nicht davon.

Theoretisch könnte man Marmelade kochen, denn die Provinz ist bekannt für ihr herrliches Obst, doch Zucker ist zu teuer. Auch Butter ist eine Rarität, denn es gibt nicht genügend milchgebende Tiere, und das Buttern ist mühsam, es dauert 4 bis 5 Stunden.

Freitags bekommen die Diensthabenden im Krankenhaus ein kleines Festmahl: je zwei Spiegeleier. „Und einer unserer Krankenpfleger hat Bienen,“ erzählt Schefter. Ab und zu bekommt sie von ihm ein Glas Honig, eine seltene Delikatesse.

Sträucher sammeln für ein kleines Feuer. (Foto: Chak Hospital)

Sträucher sammeln für ein kleines Feuer. (Foto: Chak Hospital)

„Es hat alles eine ganz andere Wertigkeit dort“, sagt sie. Einmal bekam sie einen Apfel geschenkt, aber nicht, um ihn zu essen, sondern nur, um daran zu schnuppern. Denn die Äpfel von Chak duften ganz intensiv. Dort ist allein der Duft eines Apfels schon ein Geschenk.

Wie grotesk muss es ihr vorkommen, wenn sie nach Deutschland zurückkommt und auf jedem Fernsehsender Kochshows laufen. „Wer soll das alles kochen?“, fragt sie fassungslos. „Wer kann sich das alles leisten? In Afghanistan ist man froh, wenn man überhaupt ein Stück Brot hat!“

„So ein Leben“ – das war aber auch das Erleben einer ungeheuren Gastfreundschaft, das Glück, diese grandiose, unberührte Natur zu erleben. „Ich liebe die Natur über alles,“ sagt Karla Schefter. „Sie entschädigt für vieles.“

Doch wenn sie die Berichte aus Deutschland über Afghanistan hört, in denen es immer nur um Katastrophen und Militäreinsätze geht, wird sie ganz traurig. Obwohl ihre eigene Sicherheit oft bedroht ist, hat sie Afghanistan in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch von einer ganz anderen Seite kennengelernt.

„Die Ausdruckskraft dieser Menschen ist unglaublich“, sagt sie, und ihr sonst so sachlicher Ton wird beinahe schwärmerisch. „Jede noch so kleine Bewegung jedes einzelnen Körperteils hat eine Bedeutung! Und was mich noch heute immer wieder ergreift, ist diese Menschlichkeit dort“, erzählt sie weiter. „Natürlich ist nicht alles nur schwarz und weiß, natürlich gibt es auch in Afghanistan unaussprechliche Brutalität. Aber unter den normalen Menschen ist der Umgang viel menschlicher als in Deutschland. Dort werden keine Häuser gebaut, in denen die Menschen im Alter leben müssen. Das käme niemals in Frage! Sie werden liebevoll zu Hause betreut und gepflegt.“

Im Trainingszentrum des Krankenhauses wurden (auch zu Zeiten des Taliban-Regimes) Frauen zu Physiotherapeutinnen ausgebildet. So konnten sie in ihre Dörfer zurückkehren und den Familien bei der Betreuung ihrer Alten und Behinderten helfen.

Gestützt auf diese familiären Grundwerte der afghanischen Gesellschaft werden im Krankenhaus von Chak mit jeder Patientin und jedem Patienten ein bis zwei Angehörige aufgenommen, die den PatientInnen helfen und ihnen Gesellschaft leisten. Das entlastet nicht nur das Personal, es beschleunigt auch den Genesungsprozess.

Vater und Tochter im Krankenhaus von Chak (Foto: Chak Hospital)

Vater und Tochter im Krankenhaus von Chak (Foto: Chak Hospital)

Wenn Karla Schefter dann nach Deutschland zurückkommt, ist sie bestürzt über die zunehmende Schnellebigkeit und Oberflächlichkeit, aber besonders die ungeheure Einsamkeit. „In Afghanistan gibt es keine Einsamkeit“, sagt sie. „Wie viele einsame Menschen gibt es dagegen hier in Deutschland! Aber dort hat man gar keine Chance einsam zu sein.“ Im Gegenteil: sie, die eigentlich schon immer eher eine Einzelgängerin war, musste sich ihr kleines bisschen Freiraum mühsam erkämpfen, denn sie stieß mit ihrem Wunsch nach Ruhe zunächst auf völliges Unverständnis. Heute wissen ihre MitarbeiterInnen, wann sie sie nicht stören dürfen. Und dann lehnt sie sich zurück und verbringt die kurze, kostbare Zeit mit ihren Freunden, den Büchern. Und sie hört Musik – solange es noch Strom gibt. Das entspannt und erfüllt sie mit Ruhe, und es hilft ihr, immer wieder neue Energie zu tanken.

„Ich bin recht eigenwillig“, sagt sie lächelnd und erklärt damit, warum sie es (fast) immer durchsetzt, dass sie und die anderen Frauen das Essen nicht traditionell im Haus einnehmen, sondern so viel wie möglich an der frischen Luft sind. Sie ist zwar der Auffassung, dass sie sich als Ausländerin unterordnen, die Gesellschaftsordnung des Landes respektieren muss. Deshalb trägt sie auch den traditionellen Hosenanzug, den Shalwar Kamiz, und einen Schleier, aber, so betont sie: „Ich trage keine Burka!“ Schließlich habe alles seine Grenzen. Auch wenn sie sich eine Burka schon ein paarmal auf ihrem Weg nach Deutschland zu ihrer eigenen Sicherheit und der ihrer Begleiter für kurze Zeit überziehen musste.

Es könne aber auch durchaus Vorteile haben, in diesem Land eine Frau zu sein und sich unterzuordnen, sagt sie verschmitzt. „Ich habe mich schon immer von den jeweiligen Machthabern ferngehalten. Ich rede ihnen nicht in ihre Angelegenheiten rein, und sie sollen mir nicht reinreden. Als Frau werde ich ja nicht für ganz so voll genommen.“ Also hat sie ihre Ruhe.

Und mit genau dieser Mischung aus Eigensinn und Integration hat sie es geschafft, dieses Vorzeigeprojekt, das Krankenhaus von Chak, scheinbar völlig unbeeindruckt von Krieg und Terror auf die Beine zu stellen.

Sie hat 69 MitarbeiterInnen, und monatlich werden in dem 60-Betten-Haus bis zu 900 PatientInnen stationär und bis zu 6.000 PatientInnen ambulant behandelt. Auch wenn es Kämpfe in der Nähe gibt, ist das Krankenhaus von Chak die erste Anlaufstelle, selbst wenn die Anfahrt manchmal fünf Stunden dauert. Karla Schefter behandelt jeden. Denn sie unterscheidet nicht zwischen Taliban oder Mudschaheddin, zwischen arm oder reich. In ihren Augen ist jeder Mensch gleich, jeder bekommt die gleiche Behandlung, und die ist kostenlos.

Mutter und Kind im Krankenhaus von Chak (Foto: Chak Hospital)

Mutter und Kind im Krankenhaus von Chak (Foto: Chak Hospital)

All das ist jedoch nur möglich, weil Karla Schefter jeden Winter für einige Wochen nach Deutschland kommt und mit den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des C.P.H.A. (des von ihr initiierten Komitees zur Förderung medizinischer und humanitärer Hilfe in Afghanistan e.V.) und dank der Mithilfe zahlreicher Menschen bundesweit unermüdlich Spenden sammelt. Spenden, die 90% der laufenden Kosten des Krankenhauses decken müssen. Etwa ein Zehntel des benötigten Geldes gab es 2008 von der Bundesregierung für die Medikamentenbeschaffung.

Von insgesamt etwa 600.000 Euro kann dieses afghanische Krankenhaus ein Jahr lang gerade eben über die Runden kommen. Große Sprünge können sie nicht machen. Denn das Geld muss außer für Medikamente auch für genügend Diesel und Holz für den bitterkalten Winter reichen, für die Patientenverpflegung und die Wintervorräte, für Reparaturen und natürlich für die Gehälter der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses.

Im Laufe der Jahre hat Karla Schefter aber auch die Ausstattung erweitern können. Das Krankenhaus verfügt nun über ein Röntgengerät, die Ärzte können fachgerecht anästhesieren, Ultraschall und EKGs durchführen, sie haben zwei OPs, und die drei Laboranten können mittlerweile alle nötigen Tests durchführen: u. a. auf Aids, Hepatitis und TB; auch Schwangerschaftstests sind möglich.

„Bei uns geht kein einziger Cent verloren,“ sagt Karla Schefter. Sie sei so dankbar für all die Spenden, dass sie manchmal ein wenig verärgert reagiere, wenn ihre MitarbeiterInnen eine Gehaltserhöhung haben wollten. Denn dafür reiche das Geld einfach nicht.

Ob es im nächsten Jahr für die Medikamente reichen wird, steht allerdings noch nicht fest. Es gibt, so Christian Klein vom Auswärtigen Amt, erste Planungen seitens der deutschen Bundesregierung, das Krankenhaus auch 2009 wieder mit Mitteln zur Medikamentenbeschaffung zu fördern. Doch Karla Schefter muss die Gelder trotz der 20-jährigen Erfolgsgeschichte des Krankenhauses noch immer jedes Jahr aufs Neue beantragen. Sie hofft, dass sich der neue deutsche Botschafter in Kabul, Werner Lauk, nun tatkräftig für eine dauerhafte Förderung des Projektes einsetzen wird.

Die ehrenamtlichen Mitglieder des C.P.H.A. in Deutschland sind sehr rührig, und kaum haben sie die Wohnung von Karla Schefter betreten, werden sie prompt eingespannt, denn das kann Karla Schefter auch sehr gut: koordinieren. Und die zahlreichen Gruppen, die deutschlandweit Spenden sammeln, denken sich immer neue Wege aus, wie sie für das Krankenhaus Geld sammeln können. So veranstaltet ein Gymnasium seit 18 Jahren einen Afghanistan-Tag. Die LehrerInnen versteigern sich selbst für diverse Dienstleistungen (z. B. Babysitting), es werden an die 150 Kuchen verkauft, oder Frühlingsblumen und Selbstgebasteltes. Und einige Kinder sind so findig, dafür Geld zu nehmen, dass Besucher einmal ihre Kaninchen streicheln dürfen.

Zeit für sich hat Karla Schefter allerdings selten. In Afghanistan nicht, da sie immer und für alles die Hauptansprechpartnerin ist, und in Deutschland auch nicht, denn sie muss ja Spenden sammeln. „Was glauben Sie, wie froh ich bin, wenn ich mal einen Abend bei mir zu Hause bin!“, sagt sie. „Egal, wo ich bin, ich kann nicht einmal in Ruhe ein Glas Wein trinken, ohne über Afghanistan reden zu müssen.“

Bei allem Engagement fällt es ihr doch manchmal schwer, immer nur die Leiterin des Krankenhauses von Chak-e-Wardak zu sein, und kaum einmal sie selbst, Karla, sein zu können. Deshalb geht sie, wenn sie wieder einmal in Dortmund ist, so gerne in ein klassisches Konzert. „Das ist etwas, das nur für mich allein ist. Da muss ich einmal nichts geben, sondern kann einfach nur genießen.“ Doch in der Pause kann sie nicht nach draußen gehen, denn dort warten sie wieder, die Fragen nach Afghanistan.

Man kennt Karla Schefter in Dortmund: sie hat zweimal das Bundesverdienstkreuz bekommen, einen Bambi, der heute auf ihrer Stereoanlage thront und 2006 sogar die Malalai-Medaille, die höchste Auszeichnung Afghanistans für Frauen, benannt nach der afghanischen Nationalheldin.

Doch sie ist mit den Beinen auf dem Boden geblieben. Das, was sie tut, nennt sie schlicht „praktizierten Frieden“, und wenn man ihr Bewunderung für ihre Kraft und ihren Einsatz ausspricht, sagt sie: „Ach, manchmal bin ich auch ganz klein. Höhenflüge bekommt man nicht bei all dem Elend.“ Woher sie diese schier unerschöpfliche Kraft nimmt? „Darüber denke ich gar nicht nach. Wenn man gefordert wird, schafft man ja meist mehr, als man glaubt.“ Sie habe schon als Kind, als sie während des 2. Weltkriegs mit ihrer Mutter aus Ostpreußen fliehen musste, gelernt, was Disziplin und Durchhaltevermögen sind. „Und ich lasse nicht locker!“, fügt sie hinzu.

Karla Schefter mit kleinen Patientinnen. (Foto: Chak Hospital)

Karla Schefter mit kleinen Patientinnen. (Foto: Chak Hospital)

Der diesjährige Winter, in dem die Temperaturen wie jeden Winter auf bis zu -30°C fallen werden, wird für viele Menschen in Afghanistan wieder lebensbedrohlich sein. In den kalten Slums der Zeltstädte am Rande Kabuls leben die Flüchtlinge, die einst Afghanistan verlassen mussten. Sie bauten sich in Pakistan oder im Irak ein neues Leben auf. Doch viele mussten auf politischen Druck wieder zurückkehren und stehen einmal mehr vor dem Nichts.

In den Provinzen ist die Lage nicht besser. Auch hier haben die Menschen keine nennenswerte Heizung. Nachts kauern sich die Familien, eingepackt in alle verfügbaren Kleider, in einem Raum zum Schlafen zusammen. Die Schulen bleiben im Winter geschlossen, denn sie können nicht geheizt werden. Nur das Krankenhaus von Chak bleibt geöffnet. Dank der Spenden aus Deutschland können dort auch im Winter Lungenentzündungen und all die anderen typischen Erkältungskrankheiten behandelt werden.

Zu den unmenschlichen Temperaturen, der Armut und der allgemeinen Perspektivlosigkeit der Bevölkerung kommt die ständige Angst vor Angriffen, Überfällen durch marodierende Banden oder versehentlichen Bombenabwürfen der ISAF-Truppen hinzu. Ein Abzug des Militärs, so Karla Schefter, hätte jedoch katastrophale Folgen. „Das wäre der Anfang vom Ende“, sagt sie. Einzig die konsequente Ausweitung der humanitären Hilfe könne dieses Land noch retten. Und das gehe nur unter dem Schutz des Militärs.

Also wird die ruhelose Krankenschwester aus Dortmund mit all ihren fleißigen HelferInnen wieder einen Winter lang Spenden sammeln, um den Menschen in Chak wenigstens die kostenlose gesundheitliche Grundversorgung zu erhalten. Sie wird wieder Kraft tanken, wenn sie in einem Konzertsaal sitzt und einmal etwas ganz allein für sich tut. Und dann wird sie nach Afghanistan zurückkehren, wo die Morgensonne durch das Fenster ihrer winzigen Kammer scheint und das Vogelgezwitscher sie weckt. „Das gibt mir unglaublich viel Energie für den neuen Tag“, sagt sie. Und sie hat schon ein wenig deutsche Stolle eingepackt für Afghanistan. Die wird sie mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern teilen und ihnen von den deutschen Traditionen zu Weihnachten erzählen.

Es ist wahrlich kein leichtes Leben, das sie führt, doch wenn sie einmal verzagt ist, sieht sie ihre MitarbeiterInnen und PatientInnen und denkt: Nimm dich nicht so wichtig! Und sie fügt hinzu: „Es kann doch eigentlich nichts Sinnvolleres geben, als diese Art von Arbeit! Viel besser, als hier in Deutschland gelangweilt von Party zu Party zu wandern.“

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(Mehr Informationen zu Karla Schefter und dem Krankenhaus von Chak-e-Wardak gibt es auf www.chak-hospital.info/de/.)


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Birte Vogel

Birte Vogel ist Journalistin, Autorin und Porträtistin. Sie schreibt für Kulturinstitutionen, Unternehmen und diverse Medien (Print und online) und coacht u. a. im Porträtschreiben. Ihr Porträtband "Hannover persönlich" wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem der drei Sachbuchpreise des autoren@leipzig Awards ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.

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