Zwischen Altmetall und Wiegenliedern: Mister 1600°C

Der Weg zur Kunst ist oft nicht leicht zu finden. Außer im niedersächsischen Springe. Dort liegt er gleich hinter der Bundesstraße und führt direkt zur Schmiede von Andreas Rimkus, einem Metallkünstler und Bewahrer zwischen Altmetall und Wiegenliedern, großer Kunst und großer Hitze.

(Text & Fotos © Birte Vogel)

Der Weg zur Kunst – und zu Andreas Rimkus (Foto: Birte Vogel)

Der Weg zur Kunst – und zu Andreas Rimkus (Foto: Birte Vogel)

Sagen Sie nie „Schrott“, wenn Sie „Altmetall“ meinen! Zumindest nicht in Gegenwart von Andreas Rimkus. Er ist ein ruhiger Zeitgenosse, es wird kein Hammer fliegen, doch er schnaubt verächtlich, bevor er sich erklärt: „Schrott? Was ist Schrott denn anderes als Metall, das neu verarbeitet werden kann?“

Und das negative Image, das das Wort „Schrott“ impliziert – wertloser, hässlicher Müll – ist mit dem, was Rimkus macht, wahrlich nicht übereinzubringen. „Ich finde auf dem ‚Schrott‘-Platz so viele wertvolle Dinge, die Menschen achtlos wegwerfen“, sagt er. „Uralte Werkzeuge habe ich dort gefunden, die sonst in Vergessenheit gerieten.“ Er sammelt sie, arbeitet mit ihnen und bewahrt sie auf für die Nachwelt. Und das weitläufige Gelände rund um seine Schmiede ist voller Kunstwerke aus Metall und Altmetall, die Rimkus mittlerweile Weltruf eingebracht haben.

Metallkünstler Andreas Rimkus an der Esse (Foto: Birte Vogel)

Metallkünstler Andreas Rimkus an der Esse (Foto: Birte Vogel)

Es ist Girls‘ Day in Deutschland, ein Tag, an dem Mädchen in die noch immer für sie untypischen technischen und naturwissenschaftlichen Berufe hineinschnuppern sollen. Doch an diesem Girls‘ Day im kleinen Springe am Deister haben gerade einmal zwei Jungs den Weg zur Kunst gefunden.

Das langgezogene Grundstück am Rande der Stadt ist alles andere als eine typische Schmiede, und Rimkus alles andere als ein typischer Schmied. Ja, er ist groß und er ist kräftig, aber da hört das Klischee schon auf.

Vor 20 Jahren war das „Kreatop“, wie der 48-Jährige seine Schmiede nennt, noch ein Schweinestall und Rimkus baute den im Lauf der Jahre Stück für Stück um zu einer Brutstätte der Kreativität. Er ist gelernter Maschinenbaumeister, doch das war nur der Anfang seiner eigenwilligen Karriere. „Damals,“ sagt er, „habe ich immer nur etwas weggefräst. Aber das reichte mir nicht. Ich hatte so viele Ideen! Also wollte ich unbedingt lernen, wie man etwas hinzufügt, neu schafft.“

Im nicht weit entfernten Hildesheim, an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst, fand er einen Dozenten, der ihn nicht nur die Technik lehrte, sondern auch die Philosophie hinter diesem uralten Handwerk. Das prägte und kommt noch heute jedem Kunstwerk, jeder Aktion des Künstlers zugute.

Der ehemalige Schweinestall ist heute Schmiede. (Foto: Birte Vogel)

Der ehemalige Schweinestall ist heute Schmiede. (Foto: Birte Vogel)

Seit zweieinhalb Jahrtausenden wird in Europa schmiedbares Metall hergestellt, die Hochöfen Nordrhein-Westfalens liefern weltweit – doch die Wiege des Handwerks liegt in Afrika. „Sie haben viel früher und viel besser geschmiedet, als wir hier,“ sagt Rimkus. In Togo, nahe der Hauptstadt Lomé, gibt es noch heute ein Dorf, in dem 6000 Schmiede leben. Rimkus hat dieser dort so lebendigen Tradition 2006 mit seinem AfrikaHammer ein Denkmal gesetzt und setzt ihr ein weiteres durch den Bau eines Schmiedemuseums.

Metall als Werkstoff – man könnte sich etwas Leichteres denken. Was ist also das Besondere an Metall, was andere Stoffe wie Holz oder Stein nicht haben? „Es ist unglaublich wandelbar.“, sagt Rimkus. „Ich kann ein zehn Meter hohes, sehr dünnes Teil schmieden, und es federt noch. Stein dagegen würde brechen. Ich kann Metall unter Wasser einsetzen. Holz dagegen nicht. Und ich kann es immer und immer wieder recyceln.“

Das traditionelle Signet des Metallkünstlers vereint alle Elemente des Schmiedens in sich. (Foto: Birte Vogel)

Das traditionelle Signet des Metallkünstlers vereint alle Elemente des Schmiedens in sich. (Foto: Birte Vogel)

Recyceln ist ein gutes Stichwort.

Es lag lange Zeit im Trend, die Deutschen waren Recycel-Weltmeister, doch spätestens seit der Einführung des Dosenpfands ist ihnen die Lust am sparsamen Umgang mit den Ressourcen ein wenig verloren gegangen. Andreas Rimkus hingegen sieht seine Wiederverwertung alten Metalls als ein Symbol: „Wenn wir ein Werkzeug nicht mehr brauchen, können wir es in der Kunst nutzen. So ein Kunstwerk ist aber auch nicht unbedingt für die Ewigkeit – es kann jederzeit wieder auseinandergenommen und wiederverwertet werden.“

Rimkus ist keine dieser Künstlernaturen, deren Kunst so abstrakt ist, dass sie sich nur einem sehr überschaubaren Kreis von Kunstexperten erschließt. Er ist so bodenständig wie sein Handwerk. Und seine Kunst ist aussagekräftig und vielfältig, bunt und humorvoll und nicht zuletzt darauf bedacht, für sein Handwerk und seinen Werkstoff Freunde zu finden.

Unübersehbar: hier hat einer ein Faible für Metall (Foto: Birte Vogel)

Unübersehbar: hier hat einer ein Faible für Metall (Foto: Birte Vogel)

Er hat die Gabe, mit all seiner Lebenserfahrung, aber gleichzeitig mit dem Blick eines kleinen Jungen an seine Aufgaben heranzugehen. Seine Kunstwerke schaut man deshalb auch nicht aus drei Metern Entfernung, leicht zurückgelehnt, mit verschränkten Armen und gewichtigem Gesichtsausdruck an. Man kann und soll sie berühren, sinnlich erfahren, wie den Türgriff, die Hörstation oder das Insektenauge im Park der Sinne in Laatzen.

In die Basisplatte eines Teilstücks seines Werks „1000 Engel“, einer gold-glänzenden Kugel auf Metallplatte, hat er sogar die explizite Aufforderung zum Anfassen hineingefräst. „Wir begreifen sehr viel über das Auge,“ erklärt Rimkus. „Aber das Berühren eines Gegenstands hilft beim Begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Die Kugel ist warm, Körpertemperatur, und bei Berührung hinterlässt nicht nur jeder einen eigenen Abdruck auf der glänzenden Oberfläche.

Rimkus' Kunst darf und soll man berühren. Nicht nur drüber sinnieren. (Foto: Birte Vogel)

Rimkus‘ Kunst darf und soll man berühren. Nicht nur drüber sinnieren. (Foto: Birte Vogel)

Bei Berührung erklingen Lieder, und nicht irgendwelche, nein, Wiegenlieder. Rimkus und seine Frau, die Musikerin Christine Rimkus, haben dafür überall, wo sie mit ihrem Aufnahmegerät hinkamen, Menschen gebeten, ein Wiegenlied aus ihrer Kultur zu singen. „Es werden heute kaum noch Wiegenlieder gesungen,“ sagt Rimkus. „Der Gesang, der die Seele der Säuglinge schon von Geburt an in Schwingungen versetzt, stirbt aus.“ Mit seinem Kunstwerk möchte er diese Lieder wieder erfahrbar machen, helfen, sie vorm Aussterben zu bewahren.

Nicht jedes seiner Werke hat eine tiefgründige Bedeutung. Die „Blasenentzündung“ ist ein Beispiel für Kunst, die einfach Spaß macht. Erst bei Berührung der großen Fläche entzündet sich das Werk und Blasen entstehen. So einfach kann Kunst sein. Und so zugänglich.

Andreas Rimkus hat eine Blasenentzündung (geschaffen). (Foto: Birte Vogel)

Andreas Rimkus hat eine Blasenentzündung (geschaffen). (Foto: Birte Vogel)

Rimkus ist darüber hinaus einer, der sich nicht nur im stillen Schmiedelein bei 1600°C allein mit seiner Kunst vergnügt – er gibt sein Wissen weiter und kämpft auf breiter Front darum, dieses alte Handwerk nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Seit sein eigener Sohn klein war, kamen Kindergartengruppen und Schulklassen zu Rimkus, um zu schauen, was er da so treibt.

„Die Kinder haben einen ungeheuren Wissensdurst, der immer weniger gestillt wird,“ sagt er, „und andererseits ein immer größeres Bewegungsdefizit. Fächer wie Werken und Sport werden ganz gestrichen oder reduziert. Wenn die Kinder dann hierher kommen, haben sie so einen Bock selbst etwas zu machen, dass ich sie kaum bremsen kann.“

Das Insektenauge im Laatzener Park der Sinne lässt die Umgebung ganz neu erleben. (Foto: Birte Vogel)

Das Insektenauge im Laatzener Park der Sinne lässt die Umgebung ganz neu erleben. (Foto: Birte Vogel)

So auch die beiden Schüler am Girls‘ Day, die zuerst sehr skeptisch beäugen, was Rimkus ihnen an seiner mobilen Esse vormacht. Mit Schutzbrillen und dicken Handschuhen ausgerüstet dürfen sie dann aus einem großen Zimmermannsnagel einen Zauberstab schmieden. Sie sind vorsichtig zu Beginn, sind handwerkliche Arbeit nicht gewöhnt und haben großen Respekt vor der glühenden Kohle. Doch erstaunlich schnell gewinnen sie mehr und mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und binnen kurzer Zeit sind die Nägel nicht mehr wiederzuerkennen.

Beim Anblick von Kindern an offenem Feuer wird so manchem Elternteil der Schweiß ausbrechen, doch Rimkus sagt: „Mit Feuer und heißem Eisen zu arbeiten ist längst nicht so gefährlich wie Fernsehen. Natürlich ist das Feuer sehr heiß, aber man muss den Kindern auch mal was zutrauen!“

Das Feuer lehrt Disziplin. Es ist Freund, nicht Feind. Sagt Andreas Rimkus. (Foto: Birte Vogel)

Das Feuer lehrt Disziplin. Es ist Freund, nicht Feind. Sagt Andreas Rimkus. (Foto: Birte Vogel)

Er sagt ihnen vorher immer, dass sie alte Kleidung anziehen sollen, Sachen, die dreckig werden dürfen. „Aber dann,“ sagt er, „kommen manche mit weißen Hosen und Schuhen hier an! Die haben nichts, was sie dreckig machen dürfen!“ Es gibt nicht Vieles, was ihn aufregt, aber wenn es darum geht, was Kinder heute tun und lernen dürfen und was nicht, da platzt ihm schon mal der Kragen.

Denn wenn sie anschließend nach Hause gehen, hört er immer wieder ihre stolzen Bemerkungen: „Ich durfte da was selbermachen!“ Etwas ganz alleine hinzubekommen ist ein großes Erfolgserlebnis für sie. „Daran werden sie sich noch in 20 Jahren erinnern“, sagt Rimkus und ist wieder ein wenig versöhnt.

Doch es ist eine große Ausnahme geworden, dass Kinder etwas mit ihren eigenen Händen, ihrer eigenen Kreativität herstellen dürfen, das über das harmlose Malen eines Bildes hinaus geht (mit Buntstiften, versteht sich, damit nichts dreckig wird). „Dabei sind sie alle sehr vorsichtig“, sagt Rimkus. „Hier ist noch nie etwas passiert. Sie lernen sehr schnell, dass das Feuer ihr Partner ist, nicht ihr Feind. Es strahlt eine Disziplin aus, die sie sofort begreifen.“

Das Mobile Schmiedelabor, erfunden von Andreas Rimkus, gefördert von der UNESCO. (Foto: Birte Vogel)

Das Mobile Schmiedelabor, erfunden von Andreas Rimkus, gefördert von der UNESCO. (Foto: Birte Vogel)

Rimkus hat viel Besuch, denn er hat für Interessierte immer eine offene Tür. Doch das allein genügt ihm nicht. Und so entstand in langjähriger Planungsarbeit das Mobile Schmiedelabor. „Ich habe lange daran herumgetüftelt,“ sagt er, „dann ein Modell gebaut und bin auf Sponsorensuche gegangen, denn alleine konnte ich das nicht finanzieren.“

Die Idee war, eine fahrende Schmiede einzurichten, die zu Lehrzwecken leicht von Ort zu Ort transportiert werden kann. Mit der sich einerseits Interessierte selbst an Esse und Amboss ausprobieren können, und andererseits Lehrreiches über Handwerk, Geschichte und Kunst zeitgemäß medial aufbereitet vorgeführt werden kann.

Rimkus ging mit seinem Plan und dem einem Amboss nachempfundenen Modell zur nächstliegenden Stelle, der Handwerkskammer in Hannover. „Aber können Sie es sich vorstellen? Die lehnten ab!“ Dies ist das zweite Thema, das Rimkus aus der Haut fahren lässt. „Das Schmiedehandwerk sterbe aus, sagten sie, das habe keinen Sinn! Aber ist es nicht deren Aufgabe, alte Handwerke zu bewahren?“

Unterstützt hat ihn und sein Projekt dann jemand anders. „Ausgerechnet die UNESCO!“, ruft er. „Was die niedersächsische Handwerkskammer nicht schafft, nämlich ein Kulturerbe zu erhalten, übernimmt dann die UNESCO!“

Das Emblem der von Rimkus initiierten Kulturfeuer-Stiftung. (Foto: Birte Vogel)

Das Emblem der von Rimkus initiierten Kulturfeuer-Stiftung. (Foto: Birte Vogel)

Er ist mit dem Mobilen Schmiedelabor völlig ausgebucht. Es scheint, je mehr Schmieden schließen – und das tun sie nur allzu zahlreich und in aller Stille – desto größer wird plötzlich das Interesse am Mobilen Schmiedelabor. „Die Nachfrage ist riesig, das darf man doch nicht vernachlässigen! In Aachen, wo ich kürzlich war, wird man nun sogar wieder eine eigene Schmiede einrichten.“ So traurig es sei, dass eine Handwerkskammer sich nicht um den Erhalt von Handwerken kümmere, so wichtig sei es, sagt Rimkus, den nachfolgenden Generationen wenigstens eine Ahnung von dem zu geben, was da so leichtsinnig verloren gegeben wird.

Und wenn Rimkus sein weltweites Hammer-Projekt weiterführt – es fehlen noch Nord- und Südamerika sowie Ozeanien – dann wird er das mit der gleichen Bodenhaftung und Vehemenz tun, mit der er alte Werkzeuge auf Schrottplätzen sammelt, Kinder an die glühende Esse lässt und sich gegen allerhand Sinnlosigkeiten ausspricht. Denn Kunst, genauer: Metallkunst, ist für ihn nicht nur Mittel zum Selbstzweck oder zur Selbstdarstellung, sondern immer auch ein Transportmittel – und das ist nicht ausschließlich im übertragenen Sinne gemeint.

Screenshot von www.a-rimkus.de

Metallkünstler Andreas Rimkus

Metallkünstler Andreas Rimkus

(Text & Fotos © Birte Vogel)


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Übrigens: hier geht’s zu Rimkus‘ Stiftung Kulturfeuer. Und ganz und gar nicht aus Metall ist das Apfelbaummuseum des Künstlers.

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Birte Vogel

Birte Vogel ist Journalistin, Autorin und Porträtistin. Sie schreibt für Kulturinstitutionen, Unternehmen und diverse Medien (Print und online) und coacht u. a. im Porträtschreiben. Ihr Porträtband "Hannover persönlich" wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem der drei Sachbuchpreise des autoren@leipzig Awards ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.

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