Der alte Mann und das Reich der Mitte

Peter Müller kämpft für Menschenrechte und gegen die chinesischen Zwangsarbeitslager Laogai. (Foto: Birte Vogel)
Peter Müller kämpft für Menschenrechte und gegen die chinesischen Zwangsarbeitslager Laogai. (Foto: Birte Vogel)

Er ist un-ruhig, fröhlich und träumt von einer großen Modelleisenbahn. Er ist ein Freund klarer Worte und lässt sich einfach nicht abwimmeln. Er ist für eine Ohrfeige bis heute dankbar und seine Lieblingstrumpfkarte ist – sein Alter. Ein Besuch auf ein Tässchen Tee bei dem Bürgerpflichtler und Menschenrechtler Peter Müller in Bredenbeck bei Hannover.

„Ich bin nicht im Ruhestand! Wie können Sie mir das unterstellen, Verehrteste?“ ruft er mit gespielter Entrüstung, nimmt einen Schluck Tee aus dem zarten Porzellantässchen in seinen großen Händen, und setzt gleich darauf sein charmantestes Lächeln auf.

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Stirbt die Biene, stirbt auch der Mensch

Besonnen und ruhig prüft Imker Dirk Noltemeyer Wabe für Wabe - mit bloßen Händen. (Foto: Birte Vogel)
Besonnen und ruhig prüft Imker Dirk Noltemeyer Wabe für Wabe – mit bloßen Händen. (Foto: Birte Vogel)

Mit bloßen Händen greift Dirk Noltemeyer in den Bienenstock, in dem es ein bisschen unheilvoll, aber auch irgendwie beruhigend summt. Er trägt weder Schutzbekleidung noch hat er einen Rauchapparat dabei, für den Fall, dass die Damen ausflippen.

Er bleibt ganz cool. „Es ist wichtig, sich ruhig zu verhalten‟, sagt er. „Mit ihren Facettenaugen nehmen sie Bewegungen viel schneller wahr als wir und fühlen sich dann bedroht.‟ Und tatsächlich: obwohl er die Waben auseinander drückt und dem Stock eine Wabe entnimmt, geschieht nichts. Die Bienen bleiben auf den Waben sitzen. Lediglich ihr Flügelschlag nimmt stark zu, aber nur, um die einströmende Kaltluft zu wärmen.

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Ein bisschen verrückt muss man schon sein

Charlotte Ruschulte - Bürgermeisterin von Ohne (Foto: Birte Vogel)
Charlotte Ruschulte – Bürgermeisterin von Ohne (Foto: Birte Vogel)

Sie ist Milchbäurin, Bürgermeisterin, stellvertretende CDU-Vorsitzende der Grafschaft Bentheim, Kreistagsabgeordnete, Landfrau, Ehefrau, Mutter dreier erwachsener Kinder, Großmutter von bald sieben Enkelkindern, und dann war sie noch vor gar nicht langer Zeit Vorstandsmitglied des Landfrauenverbandes und des Frauenrates. Wie schafft sie das bloß alles? Nur mit ganz viel Leidenschaft, sagt Charlotte Ruschulte. Und ein bisschen verrückt muss man sein.

Kaum setzt sie sich hin, klingelt das Telefon. „Das geht ständig so, seit ich Bürgermeisterin bin“, sagt sie, entschuldigt sich und verschwindet für ein paar Minuten im Nebenzimmer. Auch wenn sie jemanden beim Einkaufen oder bei der Sparkasse in Ohne trifft: immer wird schnell was mit der Bürgermeisterin besprochen. Leben und Arbeit sind bei Charlotte Ruschulte gar nicht voneinander zu trennen.

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Zwischen Altmetall und Wiegenliedern: Mister 1600°C

Der Weg zur Kunst – und zu Andreas Rimkus (Foto: Birte Vogel)
Der Weg zur Kunst – und zu Andreas Rimkus (Foto: Birte Vogel)

Der Weg zur Kunst ist oft nicht leicht zu finden. Außer im niedersächsischen Springe. Dort liegt er gleich hinter der Bundesstraße und führt direkt zur Schmiede von Andreas Rimkus, einem Metallkünstler und Bewahrer zwischen Altmetall und Wiegenliedern, großer Kunst und großer Hitze.

Sagen Sie nie „Schrott“, wenn Sie „Altmetall“ meinen! Zumindest nicht in Gegenwart von Andreas Rimkus. Er ist ein ruhiger Zeitgenosse, es wird kein Hammer fliegen, doch er schnaubt verächtlich, bevor er sich erklärt: „Schrott? Was ist Schrott denn anderes als Metall, das neu verarbeitet werden kann?“

Und das negative Image, das das Wort „Schrott“ impliziert – wertloser, hässlicher Müll – ist mit dem, was Rimkus macht, wahrlich nicht übereinzubringen.

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Butterkerzen und Schlachtfelder

Alice Grünfelder in Tibet (Foto: Rainer Kehrt)
Alice Grünfelder in Tibet (Foto © Rainer Kehrt)

So manche mögen sich wünschen, Alice Grünfelder würde sich endlich um ihre eigenen Dinge kümmern. Doch genau das tut sie längst: sie engagiert sich für das, was ihr am Herzen liegt und schwimmt dabei immer schön gegen den Strom.Sie redet, wo andere schweigen, sie wundert sich, wo andere sich in der Gewohnheit eingerichtet haben, und sie engagiert sich, wo andere längst aufgegeben haben, sogar einige derer, für die sie sich engagiert.

Alice Grünfelder ist vieles: sie ist Lektorin, Literaturvermittlerin, Einzel- und Teamkämpferin, Herausgeberin, Autorin, Übersetzerin, Buchhändlerin und Festivalkuratorin. Und sie ist vor allem eins: ein Mensch, dem die Liebe zu China nicht den Verstand vernebelt hat. Mit ihrer erstaunlichen und für manche reichlich unbequemen Mischung aus Pragmatismus und Idealismus

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Und Knauer machte!

Wilfried Knauer (Foto: B. Vogel)
Wilfried Knauer (Foto: B. Vogel)

Er „hat sich nicht einmal den Aufenthalt im KZ zur Besserung gereichen lassen.“

Was glauben Sie, woher dieser Satz stammt? Aus einer privaten Korrespondenz? Einem Tagebuch der frühen 1940er Jahre?

Nein, ein deutscher Richter hat ihn in die Urteilsakte eines Angeklagten schreiben lassen. Im Jahr 1958, also mehr als ein Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkriegs,

Möchten Sie noch mehr solcher Sätze lesen? Ich ganz bestimmt nicht. Doch irgendjemand muss es tun, damit der historischen Genauigkeit und Aufarbeitung für zukünftige Generationen Genüge getan werden kann.

Wilfried Knauer ist ein solcher Historiker, und doch entspricht er nicht so recht dem Bild, das man sich vielleicht von seiner Zunft macht. Der smarte, sehr viel jünger wirkende 58-Jährige

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Naturschönheiten, dann Bücher, dann Braten mit Sauerkraut

Es hat sich nicht viel geändert, schrieb W.G. Sebald, „an jener sonderbaren Verhaltensstörung, die jedes Gefühl in Buchstaben verwandeln muss und mit erstaunlicher Präzision vorbeizielt am Leben.“

Wie schön hat er das gesagt, und keiner nimmt’s ihm übel, war er schließlich selbst ein solch Gestörter, und ein wunderbarer noch dazu. Produziert hat er, wie so viele Tausende und Abertausende, seit die Ägypter vor 5.500 Jahren begannen, auf Papyrusrollen zu schreiben, Bücher. Und zwar solche, die meist rechteckig, aus mehr oder minder ansprechendem Papier, mal mit, mal ohne unterhaltsame Bilder, aus den Bücherläden in die heimische Sitzecke wandern. Wo man, wenn endlich der Fernseher schweigt, der Nachbar auch und die Kinder, kurz bevor einem die Augen nach erbrachtem Tagwerk zufallen, noch ein paar Seiten liest.

Es sei denn, man verschlingt Bücher überall dort, wo man gerade ist,

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